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Der Neuntöter (Lanius collurio) ein reviertreuer Wächter der Hecken

 Neuntoeter

Allgemein

Der Neuntöter ist der häufigste Vertreter aus der Familie der Würger (Laniidae) in Deutschland. Das Männchen hat einen grauen Oberkopf und Nacken, die sich beide deutlich von den rostroten Rücken- und Flügelpartien abheben. Besonders kennzeichend ist der schwarze Augenstreif, der sich von der Basis des Oberschnabel bis weit hinter das Auge zieht. Seinen Namen erhielt der Neuntöter aufgrund seines Beute- und Fraßverhaltens. Zur Bearbeitung und auch zur Bevorratung seiner Nahrung, bestehend aus Insekten, kleinen Vögel oder Mäusen, spießt er diese auf Dornen oder spitze Zweige auf.

Lebensweise

Der Neuntöter ist ein Zugvogel und kehrt Ende April/Anfang Mai aus seinen afrikanischen Winterquartieren in die europäischen Brutgebiete zurück. Nach Ankunft besetzen und verteidigen die Männchen sofort ihre Reviere. Neuntöter bleiben ihrem Brutort sehr treu. Eine erfolgreiche Brut in einem Revier baut schnell Reviertradionen in den Folgejahren auf. Wird der Neuntöterbestand in einem Brutgebiet weniger, wird dieses oftmals ganz aufgegeben, auch wenn es für weniger Tiere durchaus noch besiedelbar wäre. Der Grund liegt darin, dass soziale Kontakte zu seinen Artgenossen offenbar von hoher Bedeutung sind. Neuntöter-Brutgebiete bestehen daher oft aus Kolonien, die dicht mit kleinen, eng benachbarten Revieren besetzt sind. Nur dann besiedelt diese kontaktfreudige Art ein Gebiet dauerhaft. Im Frühjahr besetzte Reviere üben eine große Anziehungskraft auf Neuankömmlinge aus. Zu bestimmten Tageszeiten sieht man die Männchen aller benachbarten Brutpaare zeitgleich auf ihren Warten sitzend. Der Neuntöter baut seine Nester bevorzugt in dornige Hecken aus Brombeere, Weißdorn, Wildrose und Schlehe. Höhere Sträucher und Bäume werden als Jagdwarte und Wachplatz benötigt. Die Verteilung und Anzahl dieser Ansitzwarten sind mit entscheidend für die Qualität des Neuntöter-Biotops, da er meist nur im Umkreis von etwa zehn Metern jagt. Er benötigt daher auch eine ausreichende Anzahl an Warten um Nahrungsengpässe zu überbrücken. Ein begrenzender Faktor für die Besetzung eines Reviers ist in erster Linie die Menge und die Zugänglichkeit von genügend Insektennahrung. Zwar jagt der Neuntöter vorwiegend im Flug, doch auch die Bodenjagd auf Insekten wie Heuschrecken und Käfer oder auch auf Kleinsäuger ist vor allem in Schlechtwetterperioden von Bedeutung. Daher benötigt er niederwüchsige Vegetation wie sie auf Trockenrasen und Schafweiden vorkommt.

Der Neuntöter hält sich lediglich drei bis vier Monate und zwar von Mai bis August im Brutgebiet auf und nutzt diese nahrungsreiche Zeit zur Brut und Aufzucht der Jungvögel. Sein Nest baut er gewöhnlich ein bis zwei Meter über dem Boden in dichtem Gesträuch. Anfang Mai bis Ende Juni legt das Weibchen fünf bis sechs gefleckte Eier, die ungefähr zwei Wochen bebrütet werden. Es schließt sich eine vierzehntägige Nestlingsphase an, gefolgt von einer vier bis fünf Wochen dauernden Führungsperiode. Nach Beendigung des Brutgeschäfts verlässt der Neuntöter meist bereits schon im August sein Revier bei uns, um das Winterhalbjahr im tropischen Afrika zu verbringen.

Vorkommen und Gefährdung

Der Neuntöter ist in der borealen, gemäßigten und mediterranen Zone von Nord-Spanien und West-Europa bis Kasachstan verbreitet. In Bayern kommt er zwar fast flächig vor, bevorzugt aber die klimatisch begünstigten Regionen und ist insgesamt selten und nur spärlich verbreitet.

Er ist ein charakteristischer Vogel der halboffenen, reich strukturierten Kulturlandschaft, die insektenreiche, sonnige und trockene Felder- und Wiesengebiete aufweist. Er benötigt eine Vielzahl von Ansitzwarten, ein „Biotop der kurzen Wege“, damit er sein Revier und möglichst noch benachbarte Bereiche gleichmäßig überschauen und nutzen kann. Sein Lebensraum sind Saumhabitate an Waldrändern, Hecken und Gebüsche an Feldrainen, Böschungen, Ruderalflächen, Streuobstwiesen, Weinberge mit eingestreuten Brachen, Trockenrasen, ebenso wie Weidewirtschafts- und reine Grünlandgebiete. Die größte Dichte von Neuntötern gibt es auf Magerrasen, auf denen sich einzelne, nicht zusammenhängende Hecken, Einzelsträucher und alte Obstbäume befinden,

Natürliche Feinde des Neuntöters sind Eichelhäher, Elster, Rabenkrähe, Turmfalke, Bussard, Marder, Hermelin und Fuchs. Nasskalte Wetterverhältnisse im Mai/Juni können nahezu alle Erstbruten vernichten, verstärkt zudem durch Fraßdruck durch die natürlichen Feinde. Als Zugvogel ist der Neuntöter sowohl auf seinem Weg zu den Winterquartieren im tropischen Afrika wie auch in den Winterquartieren selbst gefährdet, da er hierbei Gebiete mit Vogelfang durchqueren muss.

Die größte Bedrohung besteht in unseren Breiten jedoch im anhaltenden Verlust geeigneter Lebenstätten und einer nachhaltigen Habitatveränderung. Insbesondere betroffen sind Kleinstrukturen wie Hecken, kleinparzellierte Flurstücke mit blütenreichen Säumen oder stufig aufgebaute Waldränder. In ausgedehnten Ackerbaugebieten ist er daher kaum noch anzutreffen. Selbst, wenn dort geeignete Hecken für mögliche Neststandorte vorhanden wären, bieten intensiv bewirtschaftete Äcker und Futterwiesen der Art kein ausreichendes Nahrungsangebot. Darüberhinaus wirkt sich auch die zunehmende Freizeitnutzung mit ständigen Störungen negativ auf einen Bruterfolg aus, da er zu oft von seinen Warten vertrieben wird.

Lebensraumveränderungen, verbunden mit dem Verlust geeigneter Brut- und Jagdreviere, schreiten allerdings auch in den bisher noch gut mit Revieren besetzten halboffenen Lebensräumen der Magerrasen, Schafsweiden, Hutungen und trockenen Wälder voran, da diese infolge des Strukturwandels aus der kleinbäuerlichen Nutzung genommen wurden und immer mehr verbuschen.

Maßnahmen

Die im Zuge des LIFE+ Projektes durchgeführten Maßnahmen „Entbuschung von Trockenstandorten“, „Schaffung lichter Waldstrukturen und Auflichtung von Waldrändern“ sowie die durch das LIFE+ Projekt initiierte und optimierte Beweidung dieser Lebensräume sichern, verbessern und vergrößern den Lebensraum der Art, da diese Maßnahmen das für die Art wichtige Lebensraummosaik aus niederwüchsigen Rasen durchsetzt mit einzelnen Bäumen und Sträuchern als Brutplatz und Jagdwarte wieder herstellt. Durch ein Konzept zur Besucherlenkung werden zudem Brutreviere des Neuntöters künftig besser geschützt werden.

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